Erice
Es gibt Tage, an denen Erice über den Wolken schwebt. Der Monte Erice — jenes Dreieck aus weißem Kalkstein, das sich 751 Meter über Trapani und die Salinen erhebt — steigt so steil aus dem Meer auf, dass die Spitze oft in Nebel gehüllt ist. Wer mit der Seilbahn von Casa Santa hinaufkommt, sieht die Stadt zwischen Nebelfetzen erscheinen und verschwinden, als gehöre das Dorf nicht ganz zur Welt darunter.
Die Stadt ist mittelalterlich im Aussehen, elymisch-phönizisch in ihren ältesten Mauern, römisch im Kult ihrer Göttin, normannisch in der Burg, die den Hügel beherrscht. Die Gassen — hier vanedde genannt, kleine Kopfsteingassen — zeichnen ein perfektes Dreieck, dieselbe Form wie der Berg. Man geht langsam, unter Steinbögen hindurch, riecht den Duft von Mandeln aus den Konditoreien: Erice ist eine Stadt zum Genießen.
"Die Luft ist immer rein und leicht; der Blick von seltener Schönheit reicht bis nach Trapani und zu den Ägadischen Inseln."
— Vincenzo Adragna, Historiker aus Erice
Der Venustempel und die Burg, die seinen Platz einnahm
Bevor Erice ein mittelalterliches Dorf wurde, war es ein Heiligtum. Auf dem höchsten Punkt des Berges errichteten die Elymer einen Tempel für eine weibliche Gottheit, die die Phönizier mit Astarte, die Griechen mit Aphrodite, die Römer mit Venus Erycina identifizierten. Der Kult war so verehrt, dass Pilger aus dem ganzen Mittelmeerraum kamen; die heiligen Priesterinnen-Prostituierten der "Tempelprostitution" waren sowohl Gegenstand antiker Erzählungen als auch Skandal für die römischen Zensoren. Der Tempel verschwand allmählich in der Kaiserzeit, und über seinen Ruinen — unter Wiederverwendung der Steine und Blöcke — errichteten die Normannen im 12.-13. Jahrhundert die Burg der Venus, noch heute die Silhouette, die von der Spitze aufragt.
Die zyklopischen Mauern und die Burgen
Erice bewahrt übereinandergelagerte historische Schichten, die man beim Spaziergang noch sieht.
Die Stadt der 40 Kirchen und die Chiesa Madre
An einem bestimmten Punkt ihrer Geschichte zählte Erice fast vierzig Kirchen, eine außergewöhnliche Zahl für eine Stadt mit wenigen tausend Seelen. Die wichtigste ist die Chiesa Madre (Real Duomo), im 14. Jahrhundert mit Steinen aus dem alten Tempel erbaut und erkennbar an der großen gotischen Rosette in der Fassade und dem freistehenden Glockenturm — ein echter Wachturm, der zum Glockenturm umgebaut wurde. Innen ein Taufbecken aus dem 15. Jahrhundert und eine Madonnenstatue, die der Werkstatt von Francesco Laurana zugeschrieben wird.
Nicht weit entfernt bewahrt die Kirche des Hl. Johannes des Täufers Skulpturen aus der Werkstatt von Antonello Gagini, einem der größten Meister der sizilianischen Renaissance. Die Altstadt ist mit weiteren Kirchen gesprenkelt — San Giuliano, San Martino, San Cataldo, San Pietro — die erzählen, wie viele religiöse Orden ihre Spuren auf diesem Berg hinterlassen haben.
Die Stadt der Wissenschaft
1963 gründete der Physiker Antonino Zichichi in Erice das Zentrum für Wissenschaftskultur "Ettore Majorana", das im Laufe der Jahre Nobelpreisträger, Forscher und Sommerschulen für Physik, Biologie und Medizin beherbergt hat. Sciascia war ständiger Gast, Dirac und Feynman kamen: Das mittelalterliche Dorf mit 20.000 Einwohnern war für einige Wochen im Jahr das Hauptquartier der Weltphysik. Die Räumlichkeiten des Zentrums befinden sich in ehemaligen Klöstern und alten Palästen, die für die Nutzung restauriert wurden — ein eindrucksvoller Dialog zwischen mittelalterlichem Stein und zeitgenössischer Forschung.
Klostersüßigkeiten
Die Konditortradition von Erice entstand in den Klöstern. Jahrhundertelang bereiteten die Klausurnonnen hinter den Gittern die dolci di badia ("Klostersüßigkeiten") zu: Mandelpasten, in Fruchtform modellierten Marzipan, Honigkekse. Noch heute ist die Konditorei Maria Grammatico — deren Gründerin in einem Nonnen-Waisenhaus aufwuchs, wo sie die Rezepte lernte — eine obligatorische Pilgerreise. Die genovesi (kleine runde Blätterteigtaschen mit warmer Vanillecreme gefüllt), die Mandel-bocconcini, die gewürzten mustaccioli, Marzipan in Form von Pfirsichen und Feigenkaktusfrüchten. Ein Halt im Café lohnt sich.
Ausblicke
Vom Gipfel des Erice sieht man einen Teil Westsiziliens, der die Reise allein wert ist. Nach Westen: Trapani sichelförmig im Meer, mit den Windmühlen der Salinen und den Ägadischen Inseln (Favignana, Levanzo, Marettimo) am Horizont. Nach Süden: Mozia, Marsala und an klaren Tagen bis nach Ustica. Nach Osten: Monte Cofano und die Silhouette des Golfs von Castellammare. Nach Norden: offenes Meer. Die Terrasse der Balio-Gärten am Eingang der Burg ist vielleicht der beste Ort, um alles mit dem Blick zu umfassen.
Wann besuchen
Häufig gestellte Fragen zu Erice
Wie viel Zeit braucht man für Erice?
Vier bis fünf Stunden reichen für das Dorf, die Burg der Venus und die Balio-Gärten. Mit der Chiesa Madre, dem Cordici-Museum, einem längeren Halt in einer Konditorei und den Altstadtgassen ein ganzer Tag. Ideal als Stopp während eines Aufenthalts in Trapani oder San Vito Lo Capo.
Wie kommt man nach Erice?
Die zwei schönsten Wege: die Seilbahn von Trapani (Casa Santa) — 10 Minuten mit Blick auf den Golf, fast das ganze Jahr in Betrieb mit gelegentlichen Wartungspausen im Winter — oder die malerische Serpentinenstraße von der Nordseite (Vorsicht bei Nebel). Parkplatz an Porta Trapani.
Was gibt es in der Burg der Venus zu sehen?
Die normannische Burg bewahrt ihre militärische Struktur und Panoramablicke auf allen vier Seiten. Im Inneren sind die Überreste des antiken Tempels der Venus Erycina sichtbar, mit heiligen Brunnen und Funden. Seit einigen Jahren ist Venere Immersive aktiv, ein multimedialer Weg durch den Kult der Göttin.
Wo isst man die besten genovesi?
Die Konditorei Maria Grammatico in der Via Vittorio Emanuele ist die berühmteste, mit frisch servierten warmen genovesi. Auch andere zentrale Cafés bieten ausgezeichnete Versionen. Die genovese ist eine kleine runde Blätterteigtasche, gefüllt mit Vanille-Konditorcreme, warm zu genießen.
Kann man Erice auch bei Nebel besuchen?
Ja, und vielleicht ist es sogar noch bezaubernder — der Nebel verwandelt das Dorf in einen Ort außerhalb der Zeit. Die von Laternen beleuchteten Kopfsteinpflastergassen werden magisch. Die einzige Einschränkung ist der Panoramablick von der Burg und den Balio-Gärten, der bei dichtem Nebel verschwindet. Auch im Sommer eine leichte Jacke mitnehmen.
Was ist das Ettore Majorana Zentrum?
Das Zentrum für Wissenschaftskultur "Ettore Majorana", 1963 vom Physiker Antonino Zichichi gegründet, ist eine internationale Einrichtung für Forschung und Sommerschulen in Physik, Biologie und Medizin. Es beherbergt jedes Jahr über 130 Kurse mit Teilnehmern aus der ganzen Welt. Die Räumlichkeiten befinden sich in restaurierten ehemaligen Klöstern.
Mehr entdecken
Für institutionelle Informationen, Öffnungszeiten der Burg der Venus und der Museen, Veranstaltungen und Besucherangebote konsultieren Sie bitte die offizielle Website der Gemeinde Erice.